Viel mehr als zu Beginn

Aus Bibelwissen

Samstag, 28. März 2026 – von Heinz Schumacher und Daniel Muhl

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Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen anrufen.

Psalm 80,19

Einer aber unter den zehn aussätzigen Männern, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme.

Lukas 17,15


Heute stammt der erste Teil zu Psalm 80 sinngemäß von Heinz Schumacher aus dem Buch: “Die Psalmen Israels” (siehe hier).

In den Asaf-Psalmen wird immer wieder über Gottes rätselhaftes, scheinbar unverständliches Handeln nachgedacht: Warum lässt er sein auserwähltes Volk, an dem er früher so Großes getan hat, scheinbar im Stich? Warum dürfen die Feinde triumphieren? (Siehe besonders die Psalmen 74, 77 und 79). Während die Psalmen 74 und 79 an die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahr 587 v. Chr. erinnern, dürfte im 80. Psalm wegen der Überschrift der Septuaginta ("den Assyrer betreffend") und der Erwähnung der Stämme Ephraim und Manasse eher an die Wegführung der Bewohner Nordisraels nach Assyrien im Jahr 722 zu denken sein.

In einem dreimal vorkommenden Kehrvers bittet Asaf inbrünstig: „Gott, stell uns wieder her!“ (Ps 80:4, 8 + 20). Das Großreich Davids, das doch Gott selbst hatte erstehen lassen, wurde zerschnitten, verbrannt und ruiniert, so als hätten Wildschweine einen Weinberg verwüstet (Ps 80:14). Warum ließ Gott das zu? Der Bibelausleger H. Lamparter schreibt dazu: „Die Absicht des Psalmisten ist, Gott selbst das Unbegreifliche, scheinbar Widersinnige seines Verhaltens vor Augen zu führen. Wozu all diese Mühe und Pflege, die er seinem Weinstock angedeihen ließ, wenn er selbst nun die schützende Mauer abriss, sodass ihn die wilden Tiere ungestraft zerpflücken und zertreten können?“ (Jes 5:5).

Ja, Gottes Erziehungswege erscheinen unserem Verstand oft „widersinnig“, so als handle Gott gegen die eigenen Interessen. Dann sind wir versucht, Gott klarzumachen, wie Gott das „verkehrte“ Tun „korrigieren“ solle (Hi 11:7 / Jes 55:8). Doch es ist besser, sich wie Asaf im Dennoch des Glaubens demütig an Gott zu klammern und um Wiederherstellung und Rettung zu bitten (Ps 80:4 / Ps 80:19). Und wir dürfen persönlich wissen: Gott will uns noch mehr schenken als die Wiederherstellung eines früheren, besseren Zustandes. Gott will uns als „Söhne Gottes“ in Jesu Bild gestalten (Röm 8:29 / Gal 4:19) und uns „erfüllen zur ganzen Fülle Gottes“ (Eph 3:19). Auch Israel will Gott im kommenden Königreich Jesu Christi noch viel mehr schenken als die Wiederherstellung früherer Größe (Jer 31:33 / Hes 36:26).

Während in Psalm 80 hauptsächlich vom Nordreich Israel die Rede ist – das aus zehn Stämmen bestand (vgl. 1Kö 12:20) –, finden wir im heutigen Lehrtext zehn aussätzige Männer, die das große Glück hatten, von Jesus geheilt zu werden (Lk 17:12). Aussätzige Menschen hatten ein besonders schweres Schicksal, weil sie nicht nur körperlich litten, sondern auch sozial ausgegrenzt waren: Sie mussten Abstand halten und galten als „unrein“ (vgl. 3Mo 13:45 / 4Mo 5:2). Dadurch waren sie praktisch von Gemeinschaft, Gottesdienst und normalem Alltag abgeschnitten. Die Krankheit wurde so zu einem Gesamtpaket aus Schmerz, Scham, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.

Als Jesus ihnen begegnet, spricht er kein langes Heilritual. Er weist sie an, sich den Priestern zu zeigen (Lk 17:14) – also den Ort aufzusuchen, an dem ihre Wiederaufnahme in die Gemeinschaft offiziell bestätigt werden konnte (vgl. 3Mo 14:2). Das Erstaunliche: Während sie gehen, werden sie rein.

Der Weg des Gehorsams wird zum Weg der Heilung (vgl. Joh 14:21 / Jak 1:22).

Doch dann zeigt sich ein zweiter, tieferer Aspekt: Nur einer hält inne, kehrt um und verherrlicht Gott mit lauter Stimme (Lk 17:15). Ausgerechnet ein Samariter – jemand, von dem man es religiös vielleicht „weniger“ erwartet hätte (vgl. Joh 4:9). Dieser eine erkennt: Die Heilung ist nicht nur ein glücklicher Ausgang, sondern ein Zeichen der Gnade (vgl. Eph 2:8). Darum fällt er Jesus zu Füßen und dankt (Lk 17:16).

Durch sein Zurückkehren zu Jesus und durch seine Dankbarkeit erhielt er wesentlich mehr als das, was er vor seiner Krankheit hatte: Jesus spricht ihm nicht nur Heilung, sondern Rettung zu (Lk 17:19). Dankbarkeit gegenüber Jesus fördert nicht nur Freude und Zufriedenheit, sondern auch Liebe und Vertrauen (vgl. Ps 50:23 / Kol 3:15). Damit ist auch der Weg zum himmlischen Vater frei (vgl. Joh 14:6).

Genau da berühren sich Psalm 80 und Lukas 17: In der Not ruft Asaf: „Lass uns leben!“ – und verbindet es sofort mit einer Antwort: „So wollen wir deinen Namen anrufen“ (Ps 80:19). Leben, das Gott schenkt, will erwidert werden: durch Umkehr, Vertrauen, Anrufen seines Namens und durch Dank (vgl. Ps 116:12 / 1Thes 5:18). Wer wieder aufatmet, darf nicht nur weitergehen, sondern darf auch umkehren, Gott loben und sich neu an ihn binden.