Die Geschichte der Bergversetzung

Aus Bibelwissen

🏔️ Die Geschichte vom Wunder der Bergversetzung

Marco Polo berichtet diese Legende, um die Kraft des christlichen Glaubens in einer Region zu demonstrieren, die überwiegend von Muslimen (Sarazenen) bewohnt war.

1. Die Herausforderung

  • Die Geschichte spielt in der Nähe von Bagdad oder Mosul, wo es eine große christliche Gemeinschaft (Nestorianer und Jakobiten) gab, die unter der Herrschaft des Kalifen stand.
  • Der Kalif forderte die Christen auf, die göttliche Wahrheit ihres Glaubens zu beweisen. Er stützte sich dabei auf ein Jesus zugeschriebenes Zitat aus der Bibel: „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr zu diesem Berg sprechen: Hebe dich von hier dorthin!, und es wird geschehen.“ (Matthäus 17:20)
  • Der Kalif befahl den Christen, den Glauben eines Senfkorns zu beweisen, indem sie einen nahegelegenen Berg versetzten. Sollten sie dies nicht schaffen, würde er alle Christen in seinem Reich töten lassen.

2. Das Gebet und das Wunder

  • Die Christen versammelten sich und beteten drei Tage und Nächte lang in inbrünstiger Angst und Verzweiflung.
  • Ein einäugiger christlicher Schuster (manchmal auch ein Bischof) wurde als Repräsentant ausgewählt, um das Gebet vor dem Berg zu sprechen. Der Legende nach hatte der Schuster nur ein Auge, weil er das biblische Gebot, sich alles auszureißen, was zur Sünde verleitet (Mt 5:29), wörtlich genommen hatte.
  • Der Schuster trat vor den Berg und betete mit der Inbrunst des Senfkornglaubens.
  • Resultat: Der Berg begann sich zu bewegen, hob sich an und versetzte sich an einen anderen Ort.

3. Die Reaktion des Kalifen

  • Der Kalif und alle Zeugen, einschließlich Marco Polo, sollen zutiefst beeindruckt gewesen sein. Der Kalif erkannte die Macht des christlichen Gottes an.
  • In einigen Versionen bekehrt sich der Kalif insgeheim zum Christentum, traut sich aber nicht, dies öffentlich zu machen.

🔎 Kontext und Bedeutung in Marco Polos Werk

Diese Geschichte ist ein klassisches Beispiel für die "Wunder"-Erzählungen, die Marco Polo in sein Buch aufnahm.

  1. Glaubwürdigkeit: Für europäische Leser des Mittelalters waren solche Wundergeschichten ein wichtiger Bestandteil eines Reiseberichts, um die christliche Lehre und die Macht Gottes in fernen Ländern zu untermauern.
  2. Literarisches Genre: Es ist wichtig zu beachten, dass Marco Polo seine Erzählungen nicht alleine schrieb, sondern sie im Gefängnis dem Schriftsteller Rustichello da Pisa diktierte. Rustichello war ein Autor von Ritterromanen und fügte dem trockenen Bericht des Händlers Polo wahrscheinlich dramatische, mythische oder wundersame Elemente hinzu, um das Buch populärer zu machen. Es ist unklar, ob Polo diese Geschichte selbst glaubte, sie nur gehört hat oder ob Rustichello sie hinzufügte.
  3. Die "Wunder der Welt": Die Aufnahme solcher Wunder trug maßgeblich zum Titel des Werks "Il Milione" (oft übersetzt als "Die Wunder der Welt") bei und machte es zu einem Bestseller seiner Zeit.

Die Geschichte von der Bergversetzung ist somit ein faszinierendes Dokument des mittelalterlichen Glaubens und der Art, wie Berichte über ferne Länder und Religionen in Europa aufgenommen und verbreitet wurden.