Dan 9:4-5 – Wenn Heiligkeit auf Gnade trifft

Aus Bibelwissen

Dienstag, 28. April 2026 – von Daniel Muhl

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Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt und Unrecht getan.

Daniel 9,4 – 5

Jesus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

Johannes 6,37


„Wie kommt man dazu, einen ‚schrecklichen Gott‘ zu lieben?“, mag man sich fragen, nachdem man den heutigen Losungsvers gelesen hat. Den Begriff „schrecklich“ verbinden manche mit Angst, Bedrohung oder mit einem Gott, der in seinem Zorn unbarmherzig alles zerschlägt.

Wenn man mit einer solchen Übersetzung konfrontiert wird, lohnt es sich, das entsprechende Wort im Grundtext genauer anzuschauen. Der hebr. Begriff yare sollte eher mit „gefürchtet“ oder „Ehrfurcht gebietend“ übersetzt werden (Spr 9:10). Daniel betet an dieser Stelle zu einem großen, Ehrfurcht gebietenden Gott und preist zugleich seine Bundestreue und Gnade. Dabei bezeugt er den Gott Israels als einen, der geliebt wird. Das zeigt: Gott ist nicht brutal oder lieblos, sondern von Liebe und Gnade geprägt (2Mo 34:6 / 1Jo 4:8). Doch dieses Wissen lässt uns manchmal die Heiligkeit Gottes vergessen, der Sünde nicht einfach ignorieren kann (Hab 1:13).

Wenn man die damalige Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk genauer betrachtet, wird deutlich, dass Gott sein Volk mit großer Geduld getragen und seinen Zorn lange zurückgehalten hatte (Neh 9:30). Immer wieder ermahnte er es zur Umkehr und Neubesinnung (Jer 25:4). Doch bevor Nebukadnezar die Juden in Jerusalem gefangen wegführte und die Stadt zerstört wurde, verschlechterte sich der moralisch-geistliche Zustand zunehmend (2Chr 36:15-16). Gottlosigkeit und Boshaftigkeit nahmen überhand, und schließlich folgte die lange zuvor angekündigte Eroberung Jerusalems (2Chr 36:17). Für die damaligen Stadtbewohner war das ein wirklich schreckliches Ereignis. Sie haben „geerntet“, was sie jahrelang „gesät“ hatten, ohne umzukehren (Gal 6:7).

In Daniel 9:5 nennt der Prophet vier Aspekte des Abfalls von Gottes Ordnungen, die zugleich die Zunahme der Bosheit verdeutlichen:

  1. Sie sündigten (hebr. chata) und verfehlten das Ziel, aus der Liebe zu leben (Röm 3:23).
  2. Sie taten Unrecht (hebr. ava), indem sie sich krümmten und das Verkehrte taten.
  3. Sie handelten gottlos (hebr. rascha), indem sie aktiv das Böse vollbrachten und Unruhe stifteten (Spr 4:16).
  4. Sie rebellierten gegen Gott (hebr. marad) und traten so in einen bewussten Aufstand gegen die Autorität Gottes (Dan 9:5 / 1Sam 15:23).

Diese Begriffe zeigen: Die Abkehr von Gott geschieht nicht plötzlich, sondern in einer zunehmenden Verhärtung des Herzens (Hebr 3:13). Wenn eine Gesellschaft Boshaftigkeit „kultiviert“ und alle Mahnungen in den Wind schlägt, ohne umzukehren, dann kommt der Tag, an dem es wirklich schrecklich ist, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen (Hebr 10:31).

Doch die Zeit der Gefangenschaft war begrenzt und wurde von Gott durch Jeremia auf 70 Jahre festgelegt (Jer 25:11). Als diese Zeit zu Ende ging, sprach Daniel das beeindruckende Gebet aus Kapitel 9. Darin identifizierte er sich mit der Sünde seines Volkes und flehte Gott um Gnade und Barmherzigkeit an (Dan 9:18). Kurze Zeit später erbarmte sich Gott über sein Volk, und es kam zum Erlass des persischen Königs Kyros II., der die Rückkehr ermöglichte (Esr 1:1).

Gottes Heiligkeit ist real – ebenso real sind seine Geduld und seine rettende Gnade für alle, die umkehren (Kla 3:22 / 2Petr 3:9). Daniels Gebet macht deutlich: Vor diesem Gott darf Schuld ans Licht kommen, ohne dass Hoffnung verloren geht – denn seine Gnade ist stärker als unsere Untreue (Dan 9:9).

Genau diesem heiligen Gott begegnen wir in Jesus Christus (Joh 1:29). Und gerade dort, wo wir Zurückweisung erwarten müssten, hören wir seine Zusage: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.” (Joh 6:37)

Gebet: Herr, du treuer Gott und Vater, du bewahrst Bund und Gnade – auch wenn ich versage. Ich bringe dir meine Schuld und bekenne sie vor dir, ohne Ausreden. Danke, Herr Jesus, dass du mich nicht hinausstößt, wenn ich zu dir komme. Schenke mir ein weiches Herz zur Umkehr und den Mut, konkrete Schritte zu gehen. Erfülle mich mit deiner Gnade, damit ich heute neu und frei leben kann. Amen.