Abrahams Erwählung

Aus Bibelwissen

von Daniel Muhl

Abraham: Vater der Gläubigen

In der Lebensbiografie Abrahams, der auch als „Vater der Gläubigen“ bezeichnet wird (Röm 4:11), begegnen uns viele zentrale Themen, die Gottesfürchtige seit viertausend Jahren beschäftigen. Zu den wichtigsten Aspekten seines Lebens zählen sein vorbildliches Gottvertrauen (Hebr 11:8), seine freundschaftliche Beziehung zu Gott (Jak 2:23), sein Warten (Hebr 6:15), sein bedingungsloser Gehorsam (1Mo 22:2) und seine Ewigkeitserwartung, die mit einer Auferstehungshoffnung verknüpft ist (Hebr 11:19).

Diese Eigenschaften und Handlungsweisen wären jedoch nicht möglich gewesen, wenn Gott ihn nicht erwählt und gerufen hätte (1Mo 12:1 / Apg 7:2). Diese Auserwählung wiederum gründet auf der Gnade und Souveränität Gottes (Röm 9:15 / Eph 1:4).

Es gibt kaum eine andere außerbiblische Person jener Zeit, bei der wir einen so tiefen Einblick in ein „gottesfürchtiges Leben“ erhalten wie bei Abraham (1Mo 12:1).

Obwohl Abraham nach außen hin ein unauffälliges Leben führte – er war „nur“ ein wohlhabender Nomade, der sich um Kleinvieh kümmerte –, sind die weltgeschichtlichen Auswirkungen seines Lebens größer als bei allen anderen, die vor viertausend Jahren lebten. Judentum, Christentum und Islam beziehen sich in besonderer Weise auf diesen einzigartigen Mann. Darum spricht man auch von den abrahamitischen Religionen. Offiziell gehören über 50% aller Menschen diesen drei Religionen an, wobei das Christentum die größte Gruppe bildet. Das zeigt: Abraham prägte die Menschheit stärker als alle seine Zeitgenossen. Mose, David, Jesus und Paulus traten erst später in Erscheinung.

Mit der Auserwählung Abrahams schrieb Gott also Geschichte (1Mo 12:3 / Gal 3:8). Diese zeigt sich vor allem in drei Linien:

  • Göttlicher Ruf (Berufung; 1Mo 12:1)
  • Göttlicher Bund (Verheißungen und Zeichen; 1Mo 15:18)
  • Glaubensgehorsam (Prüfungen und Vertrauen; 1Mo 22:12)

Die Auserwählung und Berufung Abrahams möchte ich an acht Stationen im Leben Abrahams verdeutlichen.

1. Die Berufung in Ur

Der erste Ruf Gottes an Abram erfolgte gemäß Apg 7:2-4 in Ur, das heißt in Mesopotamien, auch wenn 1Mo 12:4 einen anderen Schluss nahelegt. In 1Mo 12:1-3 lesen wir:

„Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einer großen Nation machen, und ich will dich segnen, und ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein! Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!“ (1Mo 12:1)

Hier sehen wir zunächst den Ruf Gottes, alles Vertraute loszulassen und sich auf den Weg zu machen – dorthin, wohin der HERR ihn führt (Hebr 11:8). Aus menschlicher Perspektive bedeutete das große Unsicherheit, weil Abram nicht wusste, was ihn erwartete.

Schon bei dieser ersten Berufung brauchte er das Vertrauen, dass Gott ihn auf einem guten Weg führen würde (Spr 3:5). Die Heimat zu verlassen war vermutlich alles andere als einfach.

Doch Gott schenkte ihm eine wunderbare Verheißung: Er soll zu einer großen Nation werden, obwohl er bis dahin kinderlos blieb (1Mo 12:2 / 1Mo 15:5). Trotz der damals üblichen Mehrfachehen kam es für Abram nicht infrage, mit einer anderen Frau Nachkommen zu zeugen.

Gott gab Abram außerdem die Verheißung, dass er einen großen Namen erhalten würde (1Mo 12:2). Zu seinen Lebzeiten erfüllte sich das jedoch nur ansatzweise. Einige Könige der damaligen Zeit wurden im Land Kanaan auf ihn aufmerksam. Wenn wir aber daran denken, welchen Namen Abraham heute hat, ist das kein Vergleich.

In dieser Berufung sehen wir noch etwas anderes, das sehr wichtig ist: Sie geschah vor allem deshalb, damit Abraham für andere ein Segen sein konnte (1Mo 12:3).

Durch Abraham durften alle Gläubigen zu allen Zeiten erkennen: Nur durch Glauben, das heißt durch Vertrauen auf Gott, gelangt man zu einer Gerechtigkeit, die vor Gott Gültigkeit hat (Röm 4:3). Darin ist er für uns alle zu einem Segen geworden (Gal 3:9).

2. Der Aufbruch ins Ungewisse

Nachdem Abraham dem Ruf Gottes gehorsam gewesen war (1Mo 12:4), zog er zunächst nach Haran (1Mo 11:31). Sein Vater begleitete ihn dabei offenbar, denn er starb erst in Haran (1Mo 11:32). In 1Mo 11:31 heißt es:

„Und Terach nahm seinen Sohn Abram und Lot, den Sohn Harans, seines Sohnes Sohn, und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus Ur⟨, der Stadt⟩ der Chaldäer, um in das Land Kanaan zu gehen; und sie kamen nach Haran und wohnten dort.“ (1Mo 11:31)

Das macht den Eindruck, als ob Terach der Initiant des Auszugs war. Vermutlich war es jedoch so, dass Gott Abram gerufen hatte (Apg 7:2) und Abram diesem Ruf folgte, dann aber eingebettet in seiner Familie nach Haran zog, wobei Terach weiterhin die praktische Leitung der Sippe übernahm.

Das passt gut zur damaligen Kultur: Der Vater, d. h. der Patriarch, entscheidet offiziell zu gehen, obwohl der Impuls von seinem Sohn kam, der auf Gott hörte. Man könnte also sagen: Abram bekommt den Ruf, aber Terach organisiert den Aufbruch. Das bleibt jedoch eine Vermutung.

Die erste Reise war vermutlich stärker familiär geprägt, während er nach dem Tod seines Vaters Terach – der übrigens ein Götzendiener war (Jos 24:2) – auf Gottes Geheiß bewusst nach Kanaan ging (1Mo 12:1).

Möglicherweise wusste Abraham, dass Kanaan, der Sohn Hams, von Noah verflucht worden war (1Mo 9:25). Wenn das tatsächlich so war, brauchte es auch für diesen Schritt ins Ungewisse erneut einen besonderen Glauben (Hebr 11:8). Es war ein weiterer Gehorsamsschritt, der die besondere Beziehung Abrahams zu seinem Gott deutlich machte.

3. Die Landverheißung

Als Abram in Kanaan ankam, durchzog er das Land von Sichem bis zur Terebinthe More (1Mo 12:6-7). Danach heißt es:

“Und der HERR erschien dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben. Und er baute dort dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar.”

In Kap. 1Mo 13:14 b–17 lesen wir weiter:

„Erheb doch deine Augen und schaue von dem Ort, wo du bist, nach Norden und nach Süden, nach Osten und nach Westen! Denn das ganze Land, das du siehst, dir will ich es geben und deinen Nachkommen für ewig. Und ich will deine Nachkommen machen wie den Staub der Erde, sodass, wenn jemand den Staub der Erde zählen kann, auch deine Nachkommen gezählt werden. Mache dich auf und durchwandere das Land seiner Länge nach und seiner Breite nach! Denn dir will ich es geben.“ (1Mo 13:14)

Nachdem Abram dorthin gegangen war, wohin Gott es ihm befohlen hatte (1Mo 12:4), wurden die Zusagen Gottes immer konkreter. Gott nennt ihm das Land, das er seinen Nachkommen geben will, und zwar auf lange Zeit (1Mo 13:15). Zudem verheißt er, dass seine Nachkommen so zahlreich sein werden wie der Staub der Erde (1Mo 13:16) – und das, obwohl Abram schon auf die achtzig zuging und noch immer kein Kind hatte (1Mo 15:2).

Ist es bei uns nicht ähnlich? Je mehr wir die Bibel lesen, desto mehr Verheißungen entdecken wir. Gleichzeitig braucht es einen immer größeren Glauben, um all diesen Versprechen zu vertrauen (Hebr 11:1). Ich denke dabei zum Beispiel an die Aussage von Paulus aus Eph 1:3:

„Er (d. h. der Vater) hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in der Himmelswelt in Christus, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos vor ihm sind in Liebe, und uns vorherbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens …“ (Eph 1:3)

Gott hat uns zur Sohnschaft vorherbestimmt und uns mit jedem geistlichen Segen gesegnet (Eph 1:5). Das können wir jedoch nicht sehen, sondern nur glauben, weil Gott es gesagt hat (2Kor 5:7).

4. Das Vertrauen Abrahams und der Bund Gottes

In 1. Mose 9 ist zum ersten Mal von einem Bund die Rede. In 1. Mose 15 finden wir einen weiteren Bund Gottes, diesmal mit einer einzigen Person, nämlich mit Abram, der als Vater aller Gläubigen bezeichnet wird (Röm 4:11). Dort heißt es in Vers 18:

“An jenem Tag schloss der HERR einen Bund mit Abram und sprach: Deinen Nachkommen habe ich dieses Land gegeben, vom Strom Ägyptens an bis zum großen Strom, dem Euphratstrom.”

Bevor der HERR mit Abram diesen Bund schloss, geschah etwas ganz Zentrales:

“Nach diesen Dingen geschah das Wort des HERRN zu Abram in einem Gesicht so: Fürchte dich nicht, Abram; ich bin dir ein Schild, dein Lohn ⟨ist⟩ sehr groß. [...] Und er führte ihn hinaus und sprach: Blicke doch auf zum Himmel, und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So ⟨zahlreich⟩ wird deine Nachkommenschaft sein! Und er glaubte dem HERRN; und er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.“ (1Mo 15:1-7)

In Vers 1 finden wir das erste Ich-bin-Wort Gottes: “Ich bin dir ein Schild!” (1Mo 15:1). Diesen Zuspruch brauchte Abraham besonders, weil er sich in einem fremden Land befand. Gott ist der Einzige, der uns Menschen überall schützen kann (Ps 121:7).

An dieser Stelle zeigt sich eine Besonderheit von Abrams Glauben: Obwohl er seit Jahren glaubte, dass Gott ihm einen Nachkommen schenken würde, blieb Sarai unfruchtbar (1Mo 11:30). Doch der HERR gab ihm erneut eine Zusage, und Abram glaubte ihm, entgegen jeder menschlichen Erfahrung (Röm 4:19).

Dieses Vertrauen führt dazu, dass Gott es Abram als Gerechtigkeit anrechnet (1Mo 15:6 / Röm 4:3). Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass dies letztlich eine geschenkte Gerechtigkeit ist (Röm 3:24 / 2Kor 5:21). Genau hier zeigt sich die biblische Rechtfertigungslehre (Gal 3:6).

5. Namensänderung und Zeichen des Bundes

Nach der Geschichte mit Hagar erscheint der HERR dem Abram in 1. Mose 17 ein weiteres Mal (1Mo 17:1). Hier stellt er sich als der allmächtige Gott vor: „Ich bin El Schaddaj“ (1Mo 17:1).

“Und nicht mehr soll dein Name Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein! Denn zum Vater einer Menge von Nationen habe ich dich gemacht.“ (1Mo 17:4)

Der Name Abram („Vater der Höhe“) wurde durch Abraham („Vater der Menge“) ersetzt (1Mo 17:5). Als äußeres Zeichen des Bundes wurde die Beschneidung eingesetzt (1Mo 17:10). Sie ist ein Bild dafür, dass Menschen ihre Herzen beschneiden lassen sollen (5Mo 10:16 / Röm 2:29).

6. Die Verheißung eines Sohnes

In 1Mo 17:15–16 wird auch ein Sohn von Sara verheißen:

„Deine Frau Sarai sollst du nicht mehr Sarai nennen, sondern Sara soll ihr Name sein! [...] ich werde sie segnen, und sie wird zu Nationen werden.“

Nach etwa 20 Jahren war jede menschliche Hoffnung auf einen Nachkommen gestorben (1Mo 18:11). Doch genau dann tritt Gott in Erscheinung und kündigt das Unmögliche an (1Mo 18:14). Gott versprach: „... meinen Bund werde ich mit Isaak aufrichten“ (1Mo 17:21).

7. Die Erfüllung der Verheißung

Durch die Erfüllung erweist sich Gott als der Treue (4Mo 23:19).

“Und der HERR suchte Sara heim, wie er gesagt hatte, und der HERR tat an Sara, wie er geredet hatte. [...] Abraham aber war hundert Jahre alt, als ihm sein Sohn Isaak geboren wurde. Und Sara sagte: Gott hat mir ein Lachen bereitet...“ (1Mo 21:1–7)

8. Ein Vertrauen, das über den Tod hinausreicht

In 1Mo 22:2 verlangte Gott von Abraham das Undenkbare:

„Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak [...] und opfere ihn dort als Brandopfer!“

Im Zentrum der Prüfung steht ein Gott, der Abrahams Glauben ans Licht bringt. Abraham hielt nicht an Isaak fest, sondern an dem Gott, der sogar in der Lage ist, aus den Toten zu erwecken (Hebr 11:17-19). Abrahams Gehorsam wurde zum Zeugnis dafür, dass er Gottes Wort höher achtet als das Sichtbare (2Kor 5:7).

Letztlich beschreibt diese Episode, wie der himmlische Vater seinen einzigen Sohn opferte (Joh 3:16 / Röm 8:32). „Gott wird sich das Lamm ersehen“ (1Mo 22:8).

Der erneuerte Schwur und die Bündnislinie

Nach der Prüfung bekräftigt Gott seine Verheißung mit einem Schwur (1Mo 22:16-18). Abrahams Erwählung war nie Selbstzweck, sondern heilsgeschichtlich ausgerichtet: Gott erwählt einen Mann, um durch seine Linie den Segen bis an die Enden der Erde zu bringen (1Mo 12:3 / Gal 3:8).