Verworfen
Abschrift des Buches: Der da war, und der da ist und der da kommt!
Pfarrer Theodor Böhmerle (1870 - 1927)
Aus dem Gemeinschaftsblatt für innere Mission Augsb. Bek.: "Reich-Gottes-Bote“ (1918-26)
Selbstverlag des Bibelheims „Bethanien", Langensteinbach
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Inhaltsverzeichnis des Buches:
Kapitel davor:
19. Gethsemane Mt 26:36-46 (1926)
20. Verworfen
Mt 26:57-68
Wir stehen vor der großen, entscheidenden Stunde. Der Herr Jesus vor Hohepriester, Hohem Rat, vor Schriftgelehrten und Pharisäern. Es war eine Vollversammlung mitten in der Nacht. Die ganze Vertretung und Leitung des jüdischen Volkes war vollzählig beisammen. So war kein Synedrium gehalten worden, seitdem es ein erwählte Volk Gottes gab. Es sollten entscheiden über seinen verheißenen Messias und König und damit über sein eigenes Sein und Nichtsein. War diese Jesus von Nazareth der wahrhaftige Sohn Gottes? War Er der verheißene Messias der Christus; war die große Zeit, die Heils-, Rettungs- und Segenszeit gekommen oder nicht. Der ganze Rat Gottes, in welchen Israel durch Wahl des Herrn verflochten war stand zur Beratung. Ist wohl je eine Sitzung von Menschen gehalten worden mit solch einem Gegenstand? Ist eine welterschütterndere und weltbewegendere Stunde wohl je gewesen? Um die Erlösung der Kreatur ging es hier. Israel war von Abraham an, durch alle Zeiten hindurch, stets mit allen Nationen verknüpft gewesen, und aller Nationen Heil hing von der Stellung Israels ab. Der Gang der Welt der kommenden Jahrtausende wurde in der Entscheidung dieser Nacht eingefädelt. Waren sich jene Männer der Bedeutung jener Stunde bewusst?
Die Nacht der Entscheidung
Ach, was für ein kleines, selbstsicheres Geschlecht saß in der Nacht der Entscheidung auf den Bänken des Hohen Rats! Ja, in der Geschichte der Menschen wirkt nur e i n Großer mit, das ist der H e r r, alles ist erbärmlich klein und elend - und die Größten sind oft die Kleinsten; und Kleine sind oft die wahrhaft Großen. Eine Maria von Bethanien sah mehr von der Bedeutung dieser Stunde, als der ganze Hohe Rat, und als nachher Pilatus. Die Menschen sind Getriebene oft von den niedrigsten Treibern, Gott allein in Seinem Sohne ist der Treibende und als Leidender treibt Er am meisten.
Ja, als Leidender! Was ist doch das in dieser Sitzung? Jesus steht ja als Gebundener da. Ist denn die Entscheidung schon gefallen? Ist der Herr von Seinem Volke schon verworfen? „Die Jesum gegriffen hatten, führten Ihn zu dem Hohepriester Kaiphas, dahin die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.“ Der Heiland war nicht mehr frei. Und Seine Jünger, Petrus vor allem, der musste sich hintenanschleichen und hineinstehlen in das Hohepriesters Palast, damit er sähe, wie es hinausginge. Fürwahr, es lag ein entsetzlicher Geist über der Vollversammlung des Hohen Rates. Lüge und Mord hatten die Oberhand. Eine Menge Lügenzeugen hatten sie aufgestellt und waren entschlossen, Ihn zu töten.
Unter der Macht der Finsternis
Der Lügner und Mörder von Anfang war der geistige Präsident der Versammlung. Grauenvoll! Die geistige Vertretung des Volkes Gottes, seine Meister in der Schrift und seine Pfleger des Heiligen: unter der Macht der Finsternis. Ein Mensch, in den Satan gefahren war, hatte ihnen Jesum ausgeliefert; und sie hatten ihn schlecht bezahlt. Wie war das möglich, dass ein erwähltes Volk der göttlichen Gnade so sinken konnte unter die Mächte der Finsternis? O, das Selbstwesen in der Eigengerechtigkeit war mächtig unter ihm aufgerichtet. Und im Selbstwesen herrscht die Lüge. Der Mensch betrügt sich selbst, hält sich für mehr, als er ist. Der Mensch betrügt in der Selbstgerechtigkeit die andern, erhebt sich über sie und dünkt sich. Der selbstgerechte Mensch be trügt Gott. Er hält sich, Ihm gegenüber für gerecht und weiß nicht, dass er ist elend, arm, blind und bloß. Und wer den selbstgerechten Menschen stört und reißt ihm die Larve vom Gesicht, und macht ihn zum Sünder nach der Wahrheit, gegen den braust er auf, den hasst er, den tötet er. Die entlarvte Lüge wird zur Mörderin.
Fleischlich gesinnt sein, ichmäßig gesinnt sein, ist eine Feindschaft wider Gott. In Jesu war ihnen Gott gegenübergetreten. Vor dem reinen Sohne Gottes mit dem wahrhaftigen Gottleben war all ihre Larvengerechtigkeit zusammengebrochen. Da war vom Lügengeist der Mordgeist ausgefahren. Niemand hasst wahres Gottleben bis heute so, als die selbstangemaßte Bravheit im religiösen und bürgerlichen Leben. Und dieser Geist lag auf der Versammlung - der Geist der Lüge und des Mordes. Er feierte in der Entscheidung über Jesus seine Reife-Stunde. Und er hatte, mit Jesus anfangend, und nachher mit den Gläubigen fortfahrend, seine Auswirkungsstunde. Jesus war schon verworfen in dieser Versammlung, es handelt sich nur noch darum, wie man die Verwerfung b e gründen und formulieren sollte. Die ganze Versammlung war Lüge. Man suchte Rechtsform, um sein Unrecht zu decken. Ist soviel Finsternis unter gesetzlicher Frömmigkeit verborgen? Ist soviel Lüge, wo man der Wahrheit zu dienen vorgibt; ist soviel Finsternis im religiösen Formenwesen? Ja, ja - sagt jegliches Kind Gottes, wie es auch der Heiland wohl wusste. An der Todfeindschaft gegen die Heiligen Gottes und gegen die im Glauben Lebendigen offenbart es sich. Israel hatte seinen Herrn, seinen treuen Jahwe-Jehova, der ihm nun im Fleische erschienen war, um es zu retten, schon verworfen. Nur der Weg war noch nicht klar.
Es sollte schwer werden
Es sollte ihm schwer werden. Alle Lügenzeugen verschlugen nicht. An der reinen, gottgeklärten Wahrheit des gebunden dastehenden Herrn glitten alle Lügen ab. Diese Reinheit konnte kein Schmutz beschmutzen, eher erhöhen. Die Versammlung fühlte das wohl. Das natürliche Wahrheitszeugnis ist in jedem Menschen, und das war in der Ratsversammlung durchs göttliche Wort, durch Gesetz und Verheißung noch verschärft. Da saßen sie auf ihren Stühlen, da stand der gebundene, schweigende Herr. Je mehr Lüge auftrat, umso mehr gewann der Herr, Er wurde größer, in all Seiner Niedrigkeit. Die Sache wurde peinlich, sehr peinlich. Innerlich wurden die Richter gerichtet; der Gebundene wurde freier und freier. Da traten Zwei auf, die sollten Kronzeugen sein, und auf zweier zeugen Mund sollte die Sache bestehen. „Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen denselben bauen!“ so zeugten sie. Gräßlich! - eine solche Lästerung gegen das Haus, das sie so heilig hielten und das ein H e r o d e s ihnen gebaut hatte. Der Heiland schwieg. Der Hohepriester unterbrach die drückende Stille: „Antwortest Du nichts zu dem, was diese wider Dich zeugen?“ Der Herr schwieg. Jedermann fühlte: das Zeugnis der Beiden war doch gar plump. Die Verlegenheit war groß. Der Herr gewann immer mehr inneren Raum - gerichtlichen natürlich. Innere Betretenheit war bei vielen da. Wer weiß, ob nicht etliche dachten: Er könnte es schaffen und den Tempel abbrechen. Er hat’s geschafft. Als der Tempel Seines Leibes zerbrochen war, stand Er nach drei Tagen im neuen Tempel des verklärten Leibes auf, und seitdem baut Er im Geiste den wahrhaftigen Tempel der Gläubigen.
Wie schwer ist doch der Unglaube! Wie muss er sich wehren, seine Positionen zu halten! Wie fürchterlich ist der Kampf gegen den lebendigen Gott! Es ist viel schwerer, ungläubig sein, als gläubig. Die Wahrheit ist nicht umzubringen. Ihre gebundenen und getöteten Zeugen reden schweigend. Überwältigend breitet sich Jesu Schweigen über die Geister. Auch dem Hohenpriester stellte sich innerlich im schweigenden, gebundenen, klar blickenden Jesus die überragende Hoheit des Sohnes Gottes dar. Da treibt’s den Hohenpriester heraus. Er muss die peinliche Lage zum Ende bringen. Biegen oder brechen. Er geht auf den Kern!
Die Entscheidung
Sie hatten in sich beschlossen, Jesum zu verwerfen, zu töten. Sie sollten es aber nicht tun können ohne nochmaliges, klarstes Zeugnis an sie alle. Und der Hohepriester musste dies Zeugnis selber herausrufen. Er fragte, als Vertreter des ganzen Volkes, in feierlicher Weise: „Ich beschwöre Dich vor Gott, dem Lebendigen, dass Du uns sagest, ob Du seist Christus, der Sohn Gottes!“ Das war die Entscheidung - das war klar, das war hell. Das war, wie ein Blitz, in der schwülen Ratsatmosphäre. Es war heraus, was sie gewiss gerne umgangenhätten, aber eben nicht umgehen konnten. Christus - der Sohn Gottes - da lag die ganze Hoffnung Israel. Ein Gesalbter sollte kommen - Einer von oben - Hohepriester, Prophet und König zugleich - Davids Sohn und Davids Herr. Und die Zeiten waren reif für Ihn, das wussten alle Gläubigen wohl. Und der Heiland hatte Sich selbst bezeugt in Wort und Werk, dass Er es sei. Nun musste Er im Angesichte des ganzes Volkes Sich offenbaren. Eine Todesstille herrschte im Saale. Aller Mund und Augen, weit geöffnet, strebten Jesus zu. Was wird kommen?
„Du sagst es!“ oder wörtlich: „Du sagtest es!“ Also - „Ich bin’s!“ Nicht Er selber ssagt so, Er legt es dem Hohenpriester in den Mund. Er hat’s ja gesagt. Und der Heiland schiebt es ihm zu. Du wirst ja wohl wissen, dass das ganze Volk so glaubt - du wirst ja wohl wissen, dass du selbst im innersten Grunde es glaubst. Warum willst du Mich nicht anerkennen? Nur an euch fehlt’s noch, ihr Herrn, nur an dir, Hoherpriester, so wird das ganze Volk mit Jubel Mich bekennen. „Du sagtest es“ - das war ein Ja Jesu, aber hineingeworfen in des Hohenpriesters Gewissen.
