Das neue Leibesleben
Abschrift des Buches: Das Los der Toten
(gänzlich umgearbeitete Neuauflage von Auferstehung des Fleisches)
Verfasser: Pastor Samuel Keller
Verlag der Vaterländischen Verlags- und Kunstanstalt, Berlin 1913
Inhaltsverzeichnis
Kapitel davor:
10. Sittlicher Rückschlag der Leugnung
11. Das neue Leibesleben
1Kor 15:35-49
Allein es möchte jemand sagen: Wie werden die Toten auferweckt? Mit welcherlei Leib kommen sie? (36) Unverständiger, was du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn. (37) Und was du säest, - du säest nicht den Leib, welcher werden soll, sondern ein nacktes Korn, sei es Weizen, sei es eins von den andern. (38) Gott aber gibt ihm einen Leib, gleichwie er es gewollt hat, und einem jeglichen Samen seinen eigenen Leib. (39) Nicht jedes Fleisch ist dasselbe Fleisch, sondern ein anderes das der Vögel, ein anderes der Fische (40) Und es gibt himmlische Körper und irdische Körper; aber anders ist die Herrlichkeit der himmlischen, anders die der irdischen. (41) Anders die Herrlichkeit der Sonne und anders die Herrlichkeit des Mondes und anders die Herrlichkeit der Sterne, denn ein Stern übertrifft den andern an Herrlichkeit. (42) So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät in Verweslichkeit und auferweckt in Unverweslichkeit. (43) Es wird gesät in Unrehre und auferweckt in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und auferweckt in Kraft. (44) Es wird gesät ein seelischer Leib und auferweckt ein geistlicher Leib. Gibt es einen seelischen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib. (45) Wie es geschrieben steht: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“, der letzte Adam zum lebendigmachenden Geist. (46) Aber zuerst ist nicht der geistliche Leib, sondern der seelische; hernach der geistliche. (47) Der erste Mensch, von der Erde, ist erdig; der zweite Mensch ist vom Himmel. (48) Wie der Erdige, so sind auch die Erdigen, und wie der Himmlische, so sind auch die Himmlischen. (49) Und wie wir getragen haben das Bild des Erdigen, also werden wir auch tragen das Bild des Himmlischen.
Mit diesem Abschnitt tritt die Darlegung des Apostels in das Gebiet ein, welches die gläubigen und ungläubigen Laien mehr interessiert, als alles Bisherige: die Frage nach dem neuen Leib. D. h. eigentlich zerfällt die Frage in zwei:
- Wie stehen de Toten auf und
- mit was für einem Leib?’'’
Die erste richtet sich auf den geheimen Vorgang, die zweite auf sein fertiges Resultat. Auf die erste Frage antwortet Paulus nur in 1Kor 15:36 , und der zweiten widmet er 1Kor 15:37-49.-
Bei der Besteigung mancher Alpengipfel muss der Tourist einen schmalen Felsengrat passieren, wo ihm rechts oder links der Absturz droht. So wird es auch in der jetzt folgenden Besprechung wichtig sein, auf der schmalen Mittellinie zwischen zwei Irrtümern zu bleiben, weil beide Gegensätze uns von der biblisch geoffenbarten Wahrheit und dem Segen der echten Auferstehungshoffnung abbringen. Die eine Gefahr möchte ich die jüdisch-rabbinische nennen und die andere die modern-spiritualistische.
Die rabbinische Auferstehungshoffnung
Aus manchen Stellen des Talmuds erhellt, dass die Rabbiner unter Auferstehung bloße Wiederherstellung der jetzigen irdischen Leiber durch Zusammenkommen ihrer einzelnen Bestandteile verstanden, ein plumpe, materialistische Vorstellung, unter der noch bis auf den heutigen Tag mancher schlichte Mensch leidet. Gegen solche Auffassung konnte sich in Korinth der Spott der Gegner richten, und mit Recht. Und er tut es heute noch in derber Weise! Natürlich ist das ein grobes Missverständnis. Die einzelnen Bestandteile unseres jetzigen Erdenleibes lösen sich nach dem Tode auf auf, gehen andere chemische Verbindungen ein und können so und so viel anderen Körpern im Lauf der Jahrhunderte angehört haben, die dann alle ein Anrecht an sie für die Auferstehung haben müssten. Nein, es steht geschrieben: „Was von der Erde genommen ist, soll wieder zur Erde werden.“ Wenn wir an dem Ausdruck „Auferstehung des Fleisches*) im Glaubensbekenntnis festhalten, tun wir das, wie ich noch ausführen will in einem anderen Sinn. Unser Muskelfleisch, unsere Knochen, alles, was zur grobsinnlichen Leibeshülle hienieden gehört, haben wir für den Auferstehungsleib ebensowenig nötig, wie die im Laufe unseres Erdenlebens abgeschnittenen Haare und Nägel.
- *) Im griechischen Urtext des Neuen Testaments kommen die Ausdrücke „Auferstehung des Fleisches“ und „Auferstehung des Leibes“ nie vor!
Die moderne Auferstehungshoffnung
Unter dem Einfluss platonischer und manichäischer Gedanken, die das Körperliche als Sitz des Bösen ansehen, hat sich nicht nur in nüchternen Gelehrtenstuben, sondern auch in manchen frommen Kreisen die entgegengesetzte Gefahr gelten gemacht, dass man froh war, „den Madehsack“, den Leib, ganz und gar loszuwerden. Man meinte, die vom Stoff befreite Seele schwebe dem Himmel zu, und werde sich dann später einen ganz neuen Leib schaffen, der mit dem alten Erdenleib auch nicht das geringste zu tun habe. Dann dürfte man höchstenfalls nur von einer Neuschöpfung, aber nicht von einer Auferstehung reden. Auch fiele dann jede Garantie für das Wiedererkennen fort, und wir wären dann nicht mehr dieselbe Persönlichkeit, wie auf Erden!
Das Wie der Auferstehung
Der Apostel vermeidet beide Irrtümer durch die Vorsicht, mit der er in diesem Abschnitt vorgeht: er will nichts beweisen, was sich nicht beweisen lässt, aber er will auch nicht die menschliche Neugier befriedigen durch detaillierte Schilderungen, von denen er als nüchterner Geistesmensch nichts Genaues wissen kann. Und doch gibt er uns wertvolle Fingerzeige!
Über das Wie der Auferstehung, den niemand an sich oder andern beobachtet hat*) - sagt Paulus eigentlich nichts, als dass es unverständig sei, mehr als Analogien aus dem Naturleben dafür verlangen zu wollen. Denn die wichtigsten Lebensprozesse in der uns umgebenden Natur sind auch in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt, und doch zweifelt deshalb kein Vernünftiger an ihrer Wirklichkeit. Hat der erste Teil der Darlegung des 15 Kapitels die Notwendigkeit und Wirklichkeit der Auferstehung für den übermächtig erwiesen, der mit dem Apostel auf dem gleichen Glaubensgrund steht, so wäre es vielleicht garnicht weiter nötig gewesen, auf die näheren Fragen nach dem Wie und Was einzugehen. Denn was einmal wirklich gewesen ist, muss auch möglich sein, ob wir uns den Vorgang vorstellen und in unsere Denkrubriken einreihen können oder nicht. Immerhin haben Analogien, wo Beweise nicht am Platze sind, für unsere Vorstellungskraft etwas ungemein Anziehendes: denken wir ja doch überhaupt viel mehr in Bildern als ohne Bild.
- *) Nur Jesus hätte darüber Aufschluss geben können, und er hat es nicht für nötig gehalten!
Die Verwandlung des Samenkorns
1Kor 15:36: Das Samenkorn fällt in die Erde und macht einen Zersetzungsprozess durch; aber gerade dadurch wird der in ihm schlummernde Lebenskeim freigemacht: das scheinbare Hindernis für eine weiter Existenz wird das beste, gottgewollte Mittel, zum Ziel kommen. Zwischen dem ausgestreuten Samen und der später daraus wachsenden Pflanze ist für den, der den Zusammenhang nicht ahnt, wenig oder gar keine Ähnlichkeit. -
1Kor 15:38 Das nackte Korn ist nicht der Leib der Pflanze, die sich daraus entwickeln soll, aber jeder Same erhält beim Keimen und Wachsen seinen besonderen, eigenen Leib, - er bewahrt also unter allen Umständen seine Eigentümlichkeit. Das Weizenkorn wird nie zur Gerstenähre sich entwickeln, sondern stets nur eine Weizenähre tragen. Gott hat es so gewollt, sagt der Apostel und denkt dabei vielleicht an 1Mo 1:11-12, und unsere Naturforscher folgen suchend und tastend den Spuren der Gottesabsichten, und wenn sie die betreffenden Tatsachen gefunden haben, nennen sie sie Naturgesetze und rufen ihren Genossen, wie das Weib Lk 15, und sagen es glücklich: „Ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte!“
Professor Reinke macht darauf aufmerksam, dass jedes Samenkorn außer seinen sichtbaren, wägbaren Elementen, geistige ihm eigentümliche Prinzipien und Kräfte haben müsse, - er nennt sie „Dominanten“ - die dafür sorgen, dass die besondere, charakteristische Art der Gattung erhalten bleibe. Nimmt man etwas Ähnliches für unsern Leib an, so erklärt es sich in etwas, dass trotz des unaufhörlichen Stoffwechsels (in sieben Jahren sind alle Bestandteile des Körpers ausgewechselt, erneuert) immer die bestimmte Gestalt geblieben ist. Wenn nun diese Dominanten mit der Seele im Tod den Stoff verlassen, können sie dafür sorgen, dass bei der neuen, sonst ganz anders gearteten Bildung des Auferstehungsleibes doch die Ähnlichkeit mit der früheren Erscheinungsform wieder gewahrt wird.
Das weist mich auf das Gebiet, das ich im Apostolikum gern mit dem alten Ausdruck „Auferstehung des Fleisches“ festgehalten sehen möchte. Zu unserer ganzen Persönlichkeit gehört doch nicht nur der stoffliche Teil, das Muskelfleisch usw. und nicht der Hauch aus Gott, der geistige Teil; sondern auf der Grenze zwischen beiden, hundertfach durcheinander wirkend, liegen eigentümliche Besonderheiten unseres Wesens, die gerade das Originelle, Besondere, das gerade unsere Persönlichkeit von allen andern Unterscheidende bilden. Dazu gehört der besondere Gang, die Klangfarbe der Stimme, die Aussprache und Betonung beim Sprechen, der Stil beim Schreiben, Handbewegungen, deren wir uns gar nicht bewusst zu sein brauchen, die Temperamentsmischung, die Art, wie wir Neues auffassen, die Wiedergabe von Erfahrenem und ähnliches mehr. Wir wären nicht wir selbst, wenn diese Züge fehlten. Auf diesem Gebiet vollzieht sich auch alles, was in sittlich-religiöser Hinsicht beim Umgang mit anderen Menschen in die Erscheinung tritt und dadurch kann die gleiche sittliche Handlung bei verschiedenen Menschen so ganz anders aussehen: sie setzen überall etwas von dem Eigensten ihrer Art hinzu. (Dass diese Persönlichkeitsart bei Jesus nach der Auferstehung trotz der Auferstehung erhalten geblieben war, sehen wir daraus, dass ihn die Jünger von Emmaus beim Brotbrechen erkannten: die Handbewegung hatten sie sonst noch bei niemand gesehen als bei ihm.) Das ist Fleisch und Blut, wenn Jesus zu Petrus sagt: „Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart.“ (Mt 17:17). Deine ganze Art wäre nie auf die Erfassung dieses Rätsels gekommen, wenn nicht mein Vater im Himmel dir das geoffenbart hätte. Oder wenn Paulus Gal 1:16 sagt: Ich besprach mich nicht mit Fleisch und Blut...
